DS2011 – Panel on Copyright Assignment

Einige Leute hatten mich gefragt, ob ich nicht etwas zum “Panel on Copyright Assignment” schreiben kann, welches grade vor ein paar Stunden auf dem Desktop Summit in Berlin zuende ging. Das kann ich natürlich machen, hatte ich damals ja auch versprochen 🙂 Da morgen aber das Programm schon extrem früh weiter geht, und daher die Zeit extrem knapp ist, kann ich nur eine sehr kurze Zusammenfassung schreiben.

Erstmal allgemein zum Desktop Summit: Die Stimmung ist wirklich super! Es hat mich gestern zwar einige Mühe gekostet, die c-base zu finden, wo die Vorregistrierung stattfand (ich bin zweimal im Kreis gelaufen, da man die c-base zumindest zunächst nicht wirklich als solche erkennt – man muss wirklich wissen, wo man hin will), aber das war kein “echtes” Problem – innerhalb von wenigen Minuten haben ich zwei KDE-Entwickler und einen von Mozilla getroffen, die das selbe Problem hatten 😀 In der c-base haben ich dann unter Anderem die Erkenntnis gewonnen, dass FreeBeer wirklich wider erwarten richtig gut schmeckt 😉

Um mal ein paar offensichtliche Fragen vorwegzunehmen: Ja, die KDE- und GNOME-Entwickler vetragen sich gut 😛 – natürlich bilden sich Gruppen von KDE oder GNOME-Entwicklern, aber genausogut gibt es gemischte Gruppen, und es passiert sehr oft, dass man GNOME-Entwickler in KDE-Vorträgen findet oder andersrum. Und weiterhin: Ja, die GNOME-Entwickler benutzen wirklich zum größten Teil die GNOME3-Shell – was ich aber interessant finde ist, dass wirklich jeder von GNOME die Shell in irgendeiner Weise an persönliche Bedürfnisse angepasst hat 😀 . Das Vortragsprogramm ist sehr ausgewogen und gut – der bislang am besten besuchte Vortrag war (wenn man nur die Vorträge zählt, bei denen es “Konkurrenz” gab) mit sehr großen Abstand der von Martin Gräßlin mit dem Thema “Compositing after X – KWin on the Road to Wayland”. X11 loszuwerden ist bei KDE und GNOME ein sehr dringendes Bedürfnis. (Im neuen “Freies Magazin” wird der Inhalt des Vortrages nochmal wiedergegeben)

Die Aufzeichnungen aller Vorträge werden bald irgendwo veröffentlicht, wo genau muss ich noch in Erfahrung bringen.

Aber nun zum Copyright Assignment Panel: Teilnehmer waren Mark Shuttleworth, Michael Meeks und Bradley Kuhn. Mark vetrat dabei die Auffassung, dass CAs sinnvoll sind, um ein florierendes Free-Software Ökosystem zu schaffen. Michaels Meinung war, dass CAs überflüssig sind und der freien Software schaden und Bradley war der Meinung, dass man CAs höchstens dann unterzeichnen sollte, wenn man der Partei, der man sein Copyright überträgt, wirklich vertraut. (Was wohl bei keiner Gruppe so wirklich der Fall zu sein scheint)

Um das Ganze etwas zu straffen, werde ich mich auf Marks Standpunkt konzentrieren, da ich den nun endlich, wie ich glaube, nachvollziehen kann. Ich habe mir keine Notizen gemacht, sollte also irgend etwas unvollständig oder falsch dargestellt sein, so wäre ich über entsprechende Kommentare sehr froh (oder, wer auch auf dem DS ist kann einfach versuchen, mich zu finden :D).

Die Diskussion war insgesamt sehr sachlich und freundlich, kein “Deathmatch” wie einige befürchtet (oder erhofft!?) hatten. Mark ist ein sehr ruhiger Mensch, der sich bemüht, seinen Worten Gewicht zu verleihen, es macht Spaß, zuzuhören. Und auch, wer die gewohnte “harte” Linie der FSF erwartet hatte, kam nicht wirklich auf seine Kosten – Bradley war sehr selbstkritisch und vollkommen realistisch zum Stand von freier Software heute.

Mark hat ein großes Ziel, und zwar das FreeSoftware-Ökosystem so erfolgreich zu machen, wie es zum Beispiel das ums iPhone oder um Android ist. Die Grundfrage ist dabei: Warum und wie hat Android ein Ökosystem bestehend aus komerziellen wie OSS-Entwicklern und Firmen erreicht, was der Linux-Desktop bis heute nicht in dieser Form hat?

Ein Ökosystem entsteht für Mark in erster Linie durch Konkurrenz: Hat man ein Produkt A, welches mit Produkt B in einem harten Kampf konkurriert, so werden sich beide technisch “hochrüsten”, um das andere Projekt zu übertreffen.

Und genau dies soll durch CAs erreicht werden: Eine Firma besitzt das volle Copyright an einem Programm A, erstellt also, weil es möglich ist, eine komerzielle Version davon, welche eine proprietäre Komponente enthält, die niemand sonst hat. Diese kommerzielle Anwendung muss nun mit Programm B, welches ähnliche Funktionen bietet konkurrieren und wird dadurch besser. Damit soll – auf lange Sicht – ein gesundes (firmenbasiertes) FOSS-Ökosystem entstehen, in dem vor allem viele, viele kleine Firmen beteiligt sich, und nicht nur große. Zudem sollen die CAs, durch die Konzentration von Macht an einer Stelle, schnellere Strategiewechsel ermöglichen und die Projekte sollen so auf die Herausforderungen und Änderungen in der Zukunft viel schneller reagieren können. Mark ist sich dabei bewusst, dass Firmen auch mal schlechte Entscheidungen treffen können, sieht dies aber als nur geringes Problem, da für ihn die Vorteile überwiegen.

Michael hat einige Probleme an diesem Modell aufgezeigt, die insbesondere mögliche Risiken für Entwickler. Zudem hält er die Konkurrenz, gerade in FLOSS-Bereich für schlecht, da Zusammenarbeit wesentlich wichtiger wäre. (Auch, dass es zwei Desktops, GNOME und KDE, gibt hält er für schlecht, ebenso die Existenz von Chromium und Firefox) Die Konkurrenz zu proprietärer Software ist nach ihm bereits ausreichend. Michaels Meinung war vor allem, dass ein solches vorgehen der GPL zuwiderliefe.

Das große Problem an Marks Theorie ist, dass es sehr einfach passieren kann, dass eine Firma sich fragt, warum sie denn überhaupt OpenSource-Code schreiben sollen: Wenn sie das Copyright haben, ist es für die Firma viel profitabler, die besten Stücke proprietär zu halten und nur belangloses als OSS zu committen, alleine schon deshalb, um der Konkurrenz keinen Vorteil zu verschaffen. Das Ergebnis wäre genau das Gegenteil von dem, was Marks Absicht ist: Kein gesundes Ökosystem, sondern eher ein ziemlich toter Zustand.

Wir haben das nach dem Panel diskutiert, und es scheint so, als wäre Mark auf ziemlich verlorenem Posten. Es gibt niemanden, der wirklich seiner Meinung oder der Meinung wäre, dass CAs sinnvoll oder notwendig sind. Etwas ungünstig für Mark hat sich in diesem Fall auch sein Schlussstatement “Wer zu einem Projekt beiträgt, und damit an dieses Projekt Ansprüche stellt [gemeint ist z.B. das Copyleft der GPL] der ist einfach nicht großzügig. Großzügig ist, wer etwas ohne Gegenleistung zu erwarten beiträgt” ausgewirkt: Im Foyer gab es danach gemeinschaftliche Feststellungen wie “We are not generous!” und die Frage “Are you generous?” sorgt für gewisse Heiterkeit – wirklich ernstgenommen wurde Marks Idee also nicht mehr, zumindest nicht von den Leuten, die ich danach getroffen habe.

Soweit so gut! Alles, was oben steht ist natürlich extrem unvollständig und ich werde das eventuell noch ergänzen müssen, da grade das Weglassen von scheinbar unwichtigen Dingen manchmal sehr schlecht ist, da man einfach noch nicht erkannt hat, dass bestimmte Dinge doch wichtig waren. (Zumindest tragen sie zu einer “schärferen”, genaueren Sicht auf die Dinge bei) Ich denke aber nun, dass ich Marks Standpunkt verstehe, finde ihn selbst aber ziemlich absurd mit einigen logischen Fehlern. Viel besser hat mit der Vortrag von Dirk Hohndel gefallen, “Degrees of Playing Nice: Large Companies in Open Source”. Diesen würde ich in allen Punkten unterschreiben, und sobald die Aufzeichnungen online sind, wäre dieser Vortrag es wirklich wert, angeschaut zu werden 🙂 Das dort Skizzierte Modell zeigt einen Weg auf, wie Zusammenarbeit mit Frmen viel besser funktionieren kann, welcher wie ich finde für beide Seiten ideal wäre.

Natürlich lohnt es sich auch, die Aufzeichnungen vom Panel selbst anzuschauen 😉

6 Comments

  • Marcus Moeller commented on 7. August 2011 Reply

    Danke für die gute Zusammenfassung. Ich persönlich finde, dass die Regeln der Marktwirtschaft eher für schlechte Software sorgen. Anbieter versuchen sich immer wieder gegenseitig zu übertreffen, und das in möglichst kurzer Zeit. Da wird schnell mal was ‘zusammengeschustert’ und die Qualität bleibt auf der Strecke.

    Natürlich ist Innovation an sich gut, es wäre aber auch mal schön wenn man danach etwas Zeit hätte sich an die gemachten Aenderungen zu gewöhnen, und sich darüber zu freuen. So hastet man von einer ‘Innovation’ zur nächsten, anstatt das vorhandene zu verbessern.

    Davon ab ist Zusammenarbeit auch aus meiner Sicht immer die bessere Möglichkeit. Es ist aber oft schwieriger, seine persönlichen Ziele in einer grossen Community zu erreichen, da man dort auch mal Kompromisse machen muss. Das Ergebnis ist dann evtl. auch mal nicht genau das was einem vorgeschwebt ist, allerdings ist es dann ein von der Gemeinschaft getragenes.

    Aber ich verstehe M.$. (aeh, M.S.) natuerlich schon. Es geht darum, ein Alleinstellungsmerkmal zu schaffen und bei der Entwicklung dessen, die Fäden in der Hand zu halten.

    Viele Grüsse
    Marcus

  • Gregor commented on 7. August 2011 Reply

    Dank dir für die Zusammenfassung – habs leider nicht nach Berlin geschafft.

    Und ja, nach dem Lesen vieler Blogs und dieser Zusammenfassung klingt die Logik von Project Harmony auch für mich immer noch zweifelhaft…

  • Tomboy commented on 7. August 2011 Reply

    Tönt ja richtig spannend. Wie ist eigentlich der allgemeine umgang mit Mark S.? Lässt er sich von der Allgemeinheit ansprechen? Wie gehen die anderen Teilnehmer mit ihm um?

    Ich kann mir gut vorstellen, das Mark irgendwann Ubuntu und/oder Canonical aufgiebt, hoffe aber dass dies nicht all zu früh geschieht.

    Ich bin mir nicht sicher, ob sich mit canonical geld verdienen lässt. Dazu sind ihre Dienstleistungen nicht immer gut. Ich habe mir das Kontakt synchronisationstool fürs Android heruntergeladen und entsprechend auch ein abo für Ubuntu-One geleistet. Jedoch hat man offenbar still und heimlich das entsprechende App entsorgt, als es ausser abstürzen nichts produzierte. das Online Streaming App nutze ich weiterhin häufig offenbar scheint hier noch entwickelt zu werden, allerdings recht langsam.

    Schade eigentlich.

    • Ximion commented on 8. August 2011 Reply

      Naja, ich habe nicht versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber ich denke schon, dass es möglich ist, wenn man ein wenig hartnäckig ist – allerdings ist es nicht so gewesen, dass sich Mark in irgendeiner Form unter die Leute gemischt hat, wir glauben, er hat irgendwie den Hintereingang oder Fluchtweg genutzt, um zu verschwinden 😛
      Mark kam während eines grade im Audimax laufenden KDE-zentrierten Vortrages rein und hat sich – ausgerechnet – dierekt auf den Platz vor mir gesetzt und ein wenig mit den Leuten, die dort saßen geredet (und wie ich glaube er hat während des KDE Vortrags gegähnt, ganz sicher bin ich mir aber nicht :D)
      Die anderen Teilnehmer ignorieren ihn und es herrscht eine gewisse Stimmung gemischt aus Heiterkeit und Schadenfreude und Sorge auf der anderen Seite. Sorge um Ubuntu, und Schadenfreude über Marks Auftritt 😉
      Die Stimmung ist – egal ob bei KDE oder GNOME – relativ “anti-Mark”, z.B. hat M.S. am einem GNOME-Shell Vortrag teilgenommen und war wohl 5min später dran. Dies wurde von sehr vielen so interpretiert, als dass Mark dies mit Absicht getan hätte, um zu zeigen “seht her, ich bin auch hier und nehme an einem GNOME-Shell Vortrag teil”. Bei jedem Anderen hätte es solche Mutmaßungen nie gegeben 😛 (und ich denke auch, dass da was dran sein könnte)
      Wirklich böse ist aber keiner, “leben und leben lassen” trifft es wohl ganz gut.
      Die generelle Befürchtung ist, dass Mark irgendwann die Lust an Ubuntu verliert, was dann zu Problemen führen könnte, oder dass Ubuntu wirklich nur ein Ventureprojekt wird und Canonical an den Meistbietenden verkauft wird, sobald Mark über CAs genug an “Wert” angesammelt hat.

      • Tomboy commented on 8. August 2011 Reply

        Danke für deine Einschätzung. Doch recht interessant.

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